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Natürlicher leben mit Hunden - Interview mit Kate Kitchenham

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Kate Kitchenham ist Verhaltensbiologin, Fernsehmoderatorin, Autorin, gibt Vorträge und Seminare für Hundetrainer und Hundehalter und sie lebt mit ihren beiden Hunden Erna und Knox im Norden Deutschlands. Ihr Schwerpunkt liegt auch auf den Bereichen Bindung, Beziehung und Erziehung und ihre wissenschaftlichen Forschungen untermauern unser Pawsitive Life Coaching® Bindungskonzept mit den 3 Säulen der Bindung, Sicherheit, Strukturen& Rituale und Zuneigung. Mit ihr sprechen wir im Interview über das Lernverhalten von Hund und Mensch, natürliches Zusammenleben mit Hund, Intelligenz und Stimmungsübertragung und ihr aktuelles Buch.

Hier folgt ein Auszug aus dem Interview. Für das komplette Interview mit den ausführlichen Antworten von Kate hört euch sehr gerne den Podcast an, es lohnt sich!

Lisa: Es heißt ja Hund und Mensch lernen voneinander. Wie viel ist da dran und was können wir wirklich von unseren Hunden lernen und was können sie sich von uns abschauen?

Kate: Ich habe den Eindruck, der Hund lernt von uns im Vergleich ziemlich wenig (lacht). Hunde können uns eine ganz neue Welt eröffnen. Wenn wir uns darauf einlassen und diese natürliche Mensch-Hund-Beziehung leben, werden wir infiltriert mit Lebensfreude. Nicht nachtragend sein können wir von Hunden wahnsinnig gut lernen, immer wieder die Chance geben, es beim nächsten Mal besser zu machen. Erwachsene Hunde erziehen Junghunde so nebenbei, wenn ein Junghund mal etwas „falsch“ macht und dafür reglementiert wird, ist man sofort wieder freundlich miteinander, und das können wir Menschen uns von Hunden abgucken, dieses entspannte Miteinander.

Unsere Aufgabe dabei ist, dem Hund die Welt zu erklären. Er muss mit uns in unserer Gesellschaft mit uns leben und wenn wir möchten, dass er an unserem Leben teilhaben kann, muss er gewisse Dinge lernen. Er soll lernen können, den Stress unserer Welt zu bewältigen, an sein Alter und an seine Persönlichkeit angepasst. Das können wir am Besten, indem wir Vorbild sind. Hunde lernen wahnsinnig viel durch Beobachtung und durch Stimmungsübertragung. Achte auf deine eigene Stimmung und dein Verhalten und ob es dafür sorgt, dass der Hund sich wohl fühlt oder es eher unangenehm empfindet. Das Soziale steht im Vordergrund, nicht Sitz, Platz, bei Fuß.

Lisa: Inwieweit hat sich der Hund an uns angepasst? Oder ist es immer noch für ihn ein Kulturschock mit uns zusammen zu leben?

Kate: Überhaupt nicht. Das ist ja das, was den Hund ausmacht: Dass er sich so wahnsinnig gut an uns anpassen kann. Aber wir sollten ihn langsam mit den Herausforderungen konfrontieren. Häufig werden Hunde mit Reizen konfrontiert, denen sie noch gar nicht gewachsen sind. Einem Hund ist es egal, wo er mit uns lebt. Es liegt immer an der Mensch-Hund-Beziehung, wie toll ein Hund sein Leben findet und inwieweit wir seinen Bedürfnissen gerecht werden. Einem Hund in der Stadt kann es sogar besser gehen, als einem Hund auf dem Land - es ist das, was der Mensch daraus macht!

Lisa: Was ist die natürlichste Form mit unseren Hunden zusammen zu leben? Und wie kommen wir zu dieser Natürlichkeit wieder zurück? 

Kate: Die natürlichste Form mit Hunden zu leben, ist erstmal ganz viele Methoden, Theorien von denen man irgendwo mal gehört hat, wieder aus dem Kopf zu nehmen und mehr auf sein Gefühl zu hören. Weniger verkrampft sein und den Hund, die Spezies, richtig sehen. Begebe dich auf Augenhöhe, versetz dich hinein in den Hund, verbring Zeit mit ihnen draußen, in der Natur.

Immer für Auszeiten sorgen und mit ihm kuscheln, Körperlichkeit, Innigkeit, zulassen. Das ist ein Grundbedürfnis des Hundes.

Die Demonstration einer übergeordneten Position ist überflüssig; für den Hund macht einen souveränen Führer aus, wie wir Sicherheit vermitteln und Entscheidungen fällen. Diesem Führer schließen sie sich freiwillig an. Grenzen ziehen gehört da auch dazu, vor allem in der Pubertät. Aber eben kurz und klar und danach wieder freundlich sein. Wie Hunde miteinander kommunizieren sagt uns ganz viel darüber, wie wir auch mit Hunden kommunizieren sollten. Wir sollten den Hunden die Möglichkeit zur Persönlichkeitsentwicklung geben, ohne dass wir uns groß einmischen. Vertrauen haben. Beobachten, wann man eingreifen sollte und wann man es laufen lassen sollte. Die Menschen sollten für das Verhalten von Hunden sensibilisiert werden. Mir ist wichtig, dass dabei die Verhaltensforschung immer mehr in den Fokus rückt.

Lisa: Wie intelligent sind unsere Vierbeiner?

Kate: Hunde lernen stark durch Beobachtung. Juliane Kaminski forscht zum Beispiel zum Thema „Verbote brechen“, also wie sehr Hunde abschätzen können, wann der Mensch aufmerksam und auch anwesend ist, in welchen Situationen sie sich an Regeln halten. Das zeigt, dass Hunde viel wahrnehmen. Sie können auch Gegenstände zu ihren Gunsten manipulieren, um ans Ziel zu kommen, zum Beispiel einen Stuhl verrücken, um an Futter zu kommen. Das Besondere an Hunden ist auch ihre hohe Frustrationstoleranz. Und dass sie bei uns Menschen aktiv Hilfe, Kooperation suchen. Das ist in wissenschaftlichen Versuchen nachgewiesen. Mit Hunden können wir auf extrem enger, intelligenter und sozialer Ebene zu kooperieren. Hunde sind perfekt an uns angepasst, können unsere Stimmung spüren, sich in uns einzufühlen, uns manipulieren. In diesem Bereich sind sie hochintelligent.

Lisa: Was ist an der Stimmungsübertragung zwischen Mensch und Hund dran? 

Kate: Das Schlagwort hier ist Authentizität. Hunden können wir nichts vormachen. Sie haben einen Kommunikationskanal mehr bzw. intensiver als wir, und das ist das Riechorgan. Sie riechen Stress, auch wenn wir ihnen Freude vorspielen. Damit nehmen uns Hunde noch weniger ernst. In Situationen, die den Hund ängstigen, sollte man etwas an der eigenen Grundstimmung ändern, etwas Positives damit verknüpfen. Am besten durch soziale Unterstützung von guten Freunden, Partnern, Familie. Nichts antrainieren, sondern es leben.

Authentisch sein heißt, sich annehmen, wie man ist. Einschätzen, fühlen, wann der richtige Moment für z.B. Training ist und wann nicht. Dem Hund zutrauen, dass er mit unserer Stimmung umgehen kann. Mal wieder so richtig albern zu sein, humorvoll sein, einfach Gefühle zuzulassen, das wissen Hunde sehr zu schätzen, damit können sie super umgehen.

Liebe Leute: nehmt euch so, wie ihr seid! Eure Hunde tun das auch!

Lisa: Was würdest du unseren Zuhörern mit auf den Weg geben wollen?

Kate: Lockerlassen. Entspannt euch. Traut euren Hunden mehr zu. Lasst eure Hunde mehr erleben. Lernt ihr Verhalten lesen, lasst sie eigene Erfahrungen machen. Sorgen und Ängste hindern nur den Hund und die Beziehung.

Hört auf euer Herz und eure Intuition! Keiner, der irgendwelche Bücher geschrieben hat, kennt euch und euren Hund. Ihr seid die Experten für euren Hund! Werdet zum Experten für euren Hund, lernt ihn richtig verstehen, lasst ihn in die Menschen- und Hundewelt hineinwachsen und begleitet und unterstützt ihn dabei. Genießt einfach das Leben mit diesem wundervollen Lebewesen!

Wir bedanken uns von Herzen bei Kate für dieses wundervolle Interview!


CREDITS INTRO / OUTRO
Italian Afternoon von Twin Musicom ist unter der Lizenz Creative Commons Attribution license (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/) lizenziert.
Interpret: http://www.twinmusicom.org/

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